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Anwendung & Praxis

ColdPlasma vs. klassische Wundversorgung: Ergänzung oder echte Alternative?

Warum wir bei der Behandlung von Wunden, Hauterkrankungen und Entzündungen möglicherweise grundsätzlicher umdenken sollten.

Wer heute eine Wunde bei einem Tier versorgt, folgt meist einem bewährten Prinzip: reinigen, gegebenenfalls desinfizieren, die Wunde schützen und dem Körper Zeit geben, sich selbst zu regenerieren. Bei komplizierteren Verläufen kommen weitere Maßnahmen hinzu – von speziellen Wundauflagen über chirurgisches Débridement bis hin zu Antibiotika.

Doch was wäre, wenn wir die körpereigene Wundheilung nicht nur unterstützen, sondern gezielt beeinflussen könnten?

Genau hier eröffnet die moderne ColdPlasma-Technologie interessante Möglichkeiten.

Von Jan LangGeschäftsführer, AMAMUS Vet

Fachbeitrag10 Min. Lesezeit

Klassische Wundversorgung: Was funktioniert – und wo liegen die Grenzen?

Die moderne Wundversorgung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt.

Wir wissen heute, dass eine Wunde nicht einfach nur möglichst trocken und sauber gehalten werden sollte. Vielmehr benötigt die Wundheilung ein geeignetes feuchtes Milieu, eine ausreichende Durchblutung, eine kontrollierte Keimbelastung und funktionierende zelluläre Regenerationsprozesse.

Dabei unterscheiden wir vereinfacht drei wesentliche Phasen:

1. Exudations- und Entzündungsphase

Der Körper versucht, geschädigtes Gewebe, Zelltrümmer und eingedrungene Mikroorganismen zu beseitigen. Wundexsudat und Immunzellen übernehmen dabei wichtige Aufgaben.

In dieser Phase sind eine gründliche Reinigung, die Entfernung störender Beläge und bei entsprechender Indikation eine gezielte Keimreduktion besonders wichtig.

2. Granulationsphase

Neue Blutgefäße entstehen, Fibroblasten bilden Bestandteile der extrazellulären Matrix und neues Gewebe beginnt, den Defekt aufzufüllen.

Hier geht es vor allem darum, die Zellneubildung und Geweberegeneration zu ermöglichen.

3. Epithelisierungsphase

Neue Hautzellen wandern vom Wundrand über das Granulationsgewebe und schließen die Wundoberfläche.

Jetzt benötigt die Wunde vor allem Schutz, ein geeignetes Feuchtigkeitsmilieu und möglichst wenig zusätzliche Irritation.

Diese Phasen überschneiden sich. Eine chronische Wunde kann beispielsweise dauerhaft in einem entzündlichen Zustand verbleiben, ohne ausreichend in die regenerative Phase überzugehen.

Und genau hier liegt eine der großen Herausforderungen klassischer Wundversorgung.

Keimreduktion allein reicht nicht aus

Bei der Behandlung infizierter oder kritisch kolonisierter Wunden konzentrieren wir uns verständlicherweise zunächst auf die Mikroorganismen.

Doch selbst wenn es gelingt, die Keimbelastung deutlich zu reduzieren, bedeutet das noch lange nicht, dass eine Wunde anschließend problemlos heilt.

Denn Wundheilung ist mehr als Keimfreiheit.

Sie benötigt aktive Zellen, funktionierende Signalwege, Sauerstoffversorgung, Nährstoffe und eine Umgebung, in der sich neues Gewebe bilden kann.

Umgekehrt kann auch eine grundsätzlich regenerationsfähige Wunde schlecht heilen, wenn eine hohe mikrobielle Belastung, Biofilme oder anhaltende Entzündungsprozesse die Heilung behindern.

Eine gute Wundtherapie muss deshalb beide Seiten berücksichtigen:

  • Die Reduktion störender mikrobieller Belastungen.
  • Die Unterstützung der körpereigenen Regenerationsprozesse.

Genau diese Kombination macht ColdPlasma aus meiner Sicht so interessant.

Was macht ColdPlasma anders?

ColdPlasma, auch kaltes atmosphärisches Plasma genannt, ist ein physikalisches Verfahren, bei dem unter anderem reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies (ROS und RNS) entstehen.

Diese reaktiven Moleküle können mit mikrobiellen Strukturen und biologischen Zellen interagieren.

Dabei sind zwei Wirkbereiche besonders interessant.

1. Keimreduktion direkt am Behandlungsort

Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass ColdPlasma unterschiedliche Bakterien und Pilze inaktivieren und unter bestimmten Bedingungen auch Biofilmstrukturen beeinflussen kann.

Der entscheidende Unterschied zu systemisch verabreichten Antibiotika liegt im lokalen Wirkansatz.

Während ein systemisches Antibiotikum über den Organismus verteilt wird, kann ColdPlasma gezielt an der betroffenen Oberfläche angewendet werden.

Das bedeutet nicht, dass ColdPlasma jede Infektion behandeln oder notwendige systemische Therapien ersetzen kann. Gerade bei tiefen Infektionen, Abszessen oder systemischer Beteiligung bleiben andere therapeutische Maßnahmen unverzichtbar.

Bei oberflächlichen Haut- und Wundproblemen eröffnet die lokale Anwendung jedoch eine interessante Möglichkeit, mikrobielle Belastungen zu reduzieren, ohne automatisch eine systemische antimikrobielle Therapie einzusetzen.

2. Beeinflussung zellulärer Regenerationsprozesse

Noch spannender finde ich den zweiten Wirkbereich.

Reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies sind natürliche Bestandteile biologischer Prozesse. Sie übernehmen im Körper unter anderem wichtige Funktionen als Signalmoleküle.

Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass ColdPlasma zelluläre Signalwege beeinflussen kann, die mit Zellmigration, Zellproliferation und Geweberegeneration zusammenhängen.

Solche Effekte wurden beispielsweise an Keratinozyten und Fibroblasten untersucht. Diese Zelltypen spielen eine wesentliche Rolle bei der Bildung neuen Gewebes und beim Verschluss von Wunden.

ColdPlasma ist also nicht einfach nur eine andere Form der Desinfektion.

Es ist eine physikalische Technologie, die sowohl die mikrobielle Umgebung als auch biologische Regenerationsprozesse beeinflussen kann.

Und darin liegt für mich ihr besonderes Potenzial.

ColdPlasma gegen klassische Wundversorgung – ist das überhaupt der richtige Vergleich?

Eigentlich nicht.

Denn ColdPlasma ersetzt weder eine notwendige Wundreinigung noch die Entfernung abgestorbenen Gewebes, eine chirurgische Versorgung oder den Schutz der Wunde.

Eine verschmutzte Wunde muss weiterhin gereinigt werden. Eine tiefe Verletzung muss fachgerecht untersucht werden. Eine instabile Wunde benötigt gegebenenfalls eine chirurgische Versorgung.

Auch eine gute Wundauflage kann durch ColdPlasma nicht einfach überflüssig werden.

Die spannendere Frage lautet deshalb:

Kann ColdPlasma die klassische Wundversorgung so erweitern, dass wir in geeigneten Fällen schneller und mit weniger zusätzlichen Medikamenten zum Ziel kommen?

Aus unserer Erfahrung in der tierärztlichen Praxis lautet die Antwort darauf ganz klar: Ja.

Seit Jahren sehen wir bei Anwendern unseres Systems, dass ColdPlasma in geeigneten Fällen genau diese Möglichkeiten eröffnet. Wir beobachten überzeugende Wundheilungsverläufe und erhalten regelmäßig Rückmeldungen von Tierärzten, die durch den Einsatz der Technologie auf zusätzliche Medikamente, insbesondere systemische Antibiotika, verzichten konnten.

Dabei ist uns bewusst, dass es für zahlreiche veterinärmedizinische Indikationen bislang nur begrenzte wissenschaftliche Nachweise gibt. Unsere Beobachtungen sind keine kontrollierten Vergleichsstudien.

Dennoch sind es Erfahrungen aus dem klinischen Alltag, die wir ernst nehmen sollten. Denn sie zeigen, welche therapeutischen Möglichkeiten es sich lohnt, wissenschaftlich weiter zu untersuchen.

Die bisherige Forschung liefert dafür vielversprechende Hinweise, erlaubt aber noch keine pauschale Aussage, dass jede Wunde mit ColdPlasma schneller heilt oder sämtliche Plasmaquellen vergleichbar wirksam sind.

Warum ich den Einsatz von Antibiotika kritisch hinterfrage

Antibiotika gehören zu den bedeutendsten Errungenschaften der modernen Medizin.

Sie retten Leben. Und bei schweren bakteriellen Infektionen sind sie unverzichtbar.

Aber müssen wir sie deshalb bei jeder lokalen bakteriellen Haut- oder Wundinfektion automatisch als erste Lösung betrachten?

Ich denke nicht.

Ein großer Teil dermatologischer Probleme in der Tiermedizin spielt sich zunächst lokal ab. Dazu gehören beispielsweise Hotspots, Leckekzeme, oberflächliche Pyodermien und bestimmte Formen der Pododermatitis.

Bei solchen Erkrankungen sollten wir uns fragen, ob eine geeignete lokale Therapie ausreicht, bevor wir den gesamten Organismus einer systemischen Behandlung aussetzen.

Dabei geht es nicht nur um mögliche Nebenwirkungen.

Jeder unnötige Antibiotikaeinsatz erhöht den Selektionsdruck auf Mikroorganismen und kann die Entwicklung und Verbreitung resistenter Erreger begünstigen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass eine bakterielle Infektion grundsätzlich ohne Antibiotika behandelt werden sollte. Ausdehnung, Tiefe, Allgemeinzustand, Erreger, Grunderkrankungen und klinischer Verlauf müssen berücksichtigt werden.

Aber der Gedanke, zunächst die lokalen Behandlungsmöglichkeiten auszuschöpfen, sollte aus meiner Sicht einen deutlich größeren Stellenwert bekommen.

Local first – Rx second.

Nicht als starre Regel, sondern als therapeutische Denkweise.

Was erleben wir in der tierärztlichen Praxis?

Seit 2018 beschäftigen wir uns bei AMAMUS Vet intensiv mit der Anwendung von ColdPlasma in der Veterinärmedizin.

In dieser Zeit haben wir zahlreiche Anwender und Behandlungsverläufe kennengelernt.

Besonders häufig berichten uns Tierärztinnen und Tierärzte über Anwendungen bei Hotspots, Leckekzemen, Pododermatitis, oberflächlichen Wunden und anderen dermatologischen Problemen.

Dabei steht für viele Anwender nicht allein die Wundheilung im Vordergrund.

Mindestens ebenso wichtig ist ihnen die Möglichkeit, in geeigneten Fällen auf systemische Antibiotika verzichten zu können.

Das ist eine klinisch relevante Beobachtung, aber noch kein wissenschaftlicher Nachweis für eine bestimmte Erfolgsquote.

Unsere eigenen Erfahrungen beruhen bislang überwiegend auf dokumentierten Fallverläufen und Rückmeldungen aus der Praxis. Sie ersetzen keine kontrollierten klinischen Studien.

Trotzdem halte ich es für falsch, solche Erfahrungen grundsätzlich als wertlos abzutun.

Sie können wichtige Hinweise auf mögliche Einsatzgebiete, praktische Vorteile und Forschungsfragen liefern.

Entscheidend ist, dass wir zwischen Beobachtung, plausiblen Wirkmechanismen und wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeit sauber unterscheiden.

Warum die Handhabung einer Technologie so entscheidend ist

Ein Aspekt wird bei der Bewertung neuer Therapieverfahren häufig unterschätzt: die praktische Anwendbarkeit.

In wissenschaftlichen Publikationen wird ColdPlasma häufig mit einem bestimmten Gerät und einem genau definierten Behandlungsprotokoll untersucht.

Das ist methodisch nachvollziehbar. Schließlich müssen Studien reproduzierbar sein.

In der tierärztlichen Praxis stellt sich jedoch eine zusätzliche Frage:

Wie gut lässt sich das Verfahren tatsächlich am Tier anwenden?

Ein Gerät kann unter kontrollierten Bedingungen hervorragende Ergebnisse liefern. Wenn die Behandlung am wachen Tier jedoch schwierig ist, die Anwendung unangenehm empfunden wird oder bestimmte Körperregionen schlecht erreichbar sind, beeinflusst das die praktische Einsatzfähigkeit erheblich.

Wir haben bei AMAMUS Vet selbst Erfahrungen mit unterschiedlichen Plasmaquellen gesammelt, darunter DBD-basierte Systeme und piezoelektrische Plasmaerzeugung.

Unsere Beobachtung ist, dass sich die Systeme insbesondere hinsichtlich ihrer Handhabung und ihrer Einsatzmöglichkeiten unterscheiden können.

Das bedeutet nicht, dass alle Geräte biologisch identisch wirken. Unterschiedliche Plasmaquellen können sich in ihren physikalischen und chemischen Eigenschaften unterscheiden.

Aber die Frage, welches Gerät im Praxisalltag bevorzugt wird, lässt sich eben nicht allein anhand einer einzelnen Laborstudie beantworten.

Gerade in der Veterinärmedizin ist eine unkomplizierte, möglichst stressarme Anwendung ein wichtiger Bestandteil einer guten Therapie.

Für welche Wunden kommt ColdPlasma infrage?

Besonders interessant erscheint mir ColdPlasma bei lokal begrenzten, gut zugänglichen Haut- und Wundproblemen.

Dazu gehören beispielsweise oberflächliche Verletzungen, bestimmte schlecht heilende Wunden sowie ausgewählte dermatologische Erkrankungen, bei denen eine lokale Keimreduktion sinnvoll ist.

Auch bei chronischen Wunden kann ColdPlasma eine ergänzende Option darstellen, wenn die Wundheilung durch anhaltende mikrobielle Belastung oder gestörte regenerative Prozesse beeinträchtigt wird.

Allerdings müssen gerade bei chronischen Wunden zunächst mögliche Ursachen wie Druck, Durchblutungsstörungen, Fremdkörper, tiefe Infektionen oder zugrunde liegende Erkrankungen berücksichtigt werden.

Nicht jede Wunde eignet sich für die gleiche Behandlung.

Und nicht jede positive Erfahrung aus der Humanmedizin lässt sich unmittelbar auf Hunde, Katzen oder Pferde übertragen.

Was sagt die Wissenschaft?

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ColdPlasma hat sich in den vergangenen Jahren erheblich intensiviert.

Mehrere experimentelle und klinische Arbeiten beschreiben antimikrobielle Effekte sowie mögliche positive Einflüsse auf die Wundheilung.

Besonders relevant sind unter anderem folgende Veröffentlichungen:

[1] Isbary et al. (2012): Successful and safe use of 2 min cold atmospheric argon plasma in chronic wounds: results of a randomized controlled trial. British Journal of Dermatology, 167, 404–410.

Die klinische Untersuchung zeigte eine zusätzliche Reduktion der bakteriellen Belastung chronischer Wunden durch die untersuchte Plasmaanwendung. Sie belegt jedoch nicht automatisch einen besseren Wundverschluss bei jeder Indikation.

[2] Heinlin et al. (2011): Plasma medicine: possible applications in dermatology. Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, 9, 1045–1054.

Diese Übersichtsarbeit beschreibt mögliche dermatologische Anwendungsgebiete und die biologischen Grundlagen der Plasmamedizin.

[3] Schmidt et al. (2017): Non-thermal plasma treatment is associated with changes in transcriptome of human epithelial skin cells. Free Radical Research, 51, 347–356.

Die experimentelle Arbeit untersucht zelluläre Reaktionen auf nichtthermisches Plasma und trägt zum Verständnis möglicher biologischer Wirkmechanismen bei.

Wichtig ist dabei eine klare Einschränkung: Ein großer Teil der verfügbaren Forschung stammt aus experimentellen Untersuchungen oder der Humanmedizin. Die Evidenz für einzelne veterinärmedizinische Indikationen und konkrete Geräteprotokolle muss gesondert bewertet werden.

Die genannten Arbeiten sind daher keine Wirksamkeitsnachweise für das AMAMUS Vet ViroCap-System.

Mein Fazit: Wir sollten nicht zwischen alt und neu entscheiden, sondern besser behandeln

Für mich ist ColdPlasma keine Technologie, die sämtliche etablierten Behandlungsmethoden überflüssig macht.

Aber sie erweitert unsere Möglichkeiten.

Wir können heute physikalisch auf Mikroorganismen einwirken und gleichzeitig biologische Prozesse beeinflussen, die für die Geweberegeneration von Bedeutung sind.

Das eröffnet einen anderen therapeutischen Ansatz als die alleinige Anwendung klassischer antiseptischer oder antibiotischer Maßnahmen.

Ich bin überzeugt, dass wir dieses Potenzial in der Tiermedizin noch längst nicht ausschöpfen.

Nicht jede Wunde benötigt ColdPlasma. Nicht jede Infektion lässt sich lokal behandeln. Und nicht jede wissenschaftlich interessante Wirkung führt automatisch zu einem klinischen Vorteil.

Aber genauso wenig sollten wir neue Behandlungsmöglichkeiten erst dann ernst nehmen, wenn sie sämtliche etablierten Verfahren in jeder denkbaren Situation übertreffen.

Die entscheidende Frage ist doch:

Welche Behandlung bietet diesem Tier in dieser konkreten Situation die besten Chancen auf eine unkomplizierte Heilung – bei möglichst geringer Belastung?

Wenn wir dabei systemische Antibiotika vermeiden können, ohne die Behandlungssicherheit zu gefährden, ist das ein Gewinn.

Für das Tier, für die Tiermedizin und langfristig auch für uns Menschen.

Dieser Beitrag gibt neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch persönliche Einschätzungen und Erfahrungen aus der veterinärmedizinischen Praxis wieder. Er ersetzt keine tierärztliche Diagnostik oder individuelle Therapieentscheidung.