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Grundlagen

Evidenzbasierte Medizin: Wenn aus Wissenschaft ein Dogma wird

Warum wir wissenschaftliche Evidenz brauchen, weshalb Studien niemals die ganze medizinische Realität abbilden und warum eine zu starre Auslegung den Fortschritt behindern kann.

Ich möchte mit einer These beginnen, die vermutlich nicht jedem gefallen wird:

Unser heutiger Umgang mit evidenzbasierter Medizin droht an manchen Stellen genau den medizinischen Fortschritt zu behindern, den er eigentlich fördern sollte.

Und bevor jetzt jemand denkt, ich wolle wissenschaftliche Studien oder die evidenzbasierte Medizin grundsätzlich infrage stellen: Ganz im Gegenteil.

Ich halte evidenzbasierte Medizin für eine der wichtigsten Errungenschaften der modernen Medizin.

Aber ich glaube, wir müssen uns wieder stärker darauf besinnen, warum wir sie überhaupt eingeführt haben.

Von Jan LangGeschäftsführer, AMAMUS Vet

Meinungsbeitrag15 Min. Lesezeit

Warum brauchen wir evidenzbasierte Medizin?

Die Grundidee ist ebenso einfach wie überzeugend.

Wir wollen medizinische Behandlungsmethoden möglichst objektiv miteinander vergleichen. Wir wollen wissen, ob eine Therapie tatsächlich wirkt, wie gut sie wirkt und ob sie gegenüber bisherigen Verfahren Vorteile bietet.

Dafür brauchen wir reproduzierbare Ergebnisse, möglichst unabhängig von persönlichen Überzeugungen, einzelnen Erfahrungen oder wirtschaftlichen Interessen.

Randomisierte kontrollierte Studien, sogenannte RCTs, sind hierfür ein besonders wertvolles Instrument.

Sie helfen uns, tatsächliche Behandlungseffekte von Zufall, natürlichen Heilungsverläufen und anderen Einflussfaktoren zu unterscheiden.

Und das ist gut, richtig und wichtig.

Allerdings lohnt es sich, die ursprüngliche Definition evidenzbasierter Medizin genauer anzusehen.

Bereits 1996 beschrieben David Sackett und seine Kollegen im British Medical Journal, dass evidenzbasierte Medizin die beste verfügbare externe wissenschaftliche Evidenz mit individueller klinischer Expertise verbindet.

Die Bedürfnisse und Präferenzen des Patienten gehören ebenfalls zu einer verantwortungsvollen medizinischen Entscheidung.

Evidenzbasierte Medizin war also gerade nicht als starres System gedacht, bei dem allein das Vorhandensein einer bestimmten Studienform über die Zulässigkeit einer Behandlung entscheidet.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen medizinische Entscheidungen verbessern. Sie sollen das klinische Denken nicht ersetzen.

Quelle: Sackett et al. (1996), Literatur [1].

Medizin ist keine Schwarz-Weiß-Wissenschaft

Nehmen wir ein vereinfachtes Beispiel.

In einer hypothetischen randomisierten Studie werden 1.000 Patienten untersucht. Die Hälfte erhält eine neue Behandlungsmethode, die andere Hälfte die bisherige Standardtherapie.

Das Ergebnis:

BehandlungBehandlungserfolg
Neue Therapie70 %
Standardtherapie50 %

Fiktives Beispiel zur Veranschaulichung, keine tatsächlichen Studienergebnisse.

Unter der Voraussetzung einer methodisch hochwertigen Untersuchung wäre die neue Therapie hinsichtlich des definierten Behandlungserfolgs deutlich überlegen.

Wunderbar. Genau solche Erkenntnisse wollen wir gewinnen.

Aber bedeutet das, dass diese Behandlung bei jedem einzelnen Patienten besser funktioniert?

Natürlich nicht.

Auch bei der neuen Therapie erreichen 30 % der Patienten das definierte Behandlungsziel nicht. Gleichzeitig profitieren 50 % der Patienten von der bisherigen Standardtherapie.

Wir können aus diesen Zahlen nicht einmal sicher ableiten, welche einzelnen Patienten mit der jeweils anderen Behandlung erfolgreicher gewesen wären.

Und genau hier liegt ein entscheidender Punkt.

Eine Therapie kann wissenschaftlich nachweisbar überlegen sein, ohne für jeden einzelnen Patienten die beste Therapie zu sein.

Das ist keine Schwäche der Wissenschaft. Es ist eine Grenze dessen, was wir aus statistischen Ergebnissen ableiten können.

In der wissenschaftlichen Literatur wird dieses Problem unter anderem als Heterogeneity of Treatment Effects, also als Unterschiedlichkeit individueller Behandlungseffekte, diskutiert.

Das sogenannte PATH-Statement von Kent und Kollegen beschäftigt sich ausdrücklich damit, wie solche Unterschiede in klinischen Studien untersucht und bei medizinischen Entscheidungen berücksichtigt werden können.

Quelle: Kent et al. (2020), Literatur [2].

Gerade deshalb brauchen wir neben wissenschaftlichen Studien auch die Erfahrung des behandelnden Arztes und die sorgfältige Beurteilung des individuellen Patienten.

Wann wird aus Evidenz ein Dogma?

Problematisch wird es aus meiner Sicht dort, wo aus der berechtigten Forderung nach wissenschaftlicher Evidenz eine absolute Regel gemacht wird:

Eine Behandlung darf nur dann angewendet werden, wenn ihre Wirksamkeit bereits durch hochwertige klinische Studien nachgewiesen wurde.

Das klingt zunächst vernünftig.

Aber denken wir diesen Gedanken einmal konsequent zu Ende.

Wie soll eine neue Technologie überhaupt eine breite wissenschaftliche Evidenzbasis entwickeln, wenn sie zuvor nicht unter verantwortbaren Bedingungen klinisch eingesetzt und untersucht werden darf?

Medizinischer Fortschritt entsteht schließlich nicht aus dem Nichts.

Am Anfang stehen häufig wissenschaftliche Hypothesen, Grundlagenforschung, technische Entwicklungen, Laborergebnisse und erste klinische Beobachtungen.

Erst anschließend entstehen systematische klinische Untersuchungen, größere Studien und im Idealfall immer belastbarere wissenschaftliche Erkenntnisse.

Natürlich müssen Patientensicherheit, ethische Anforderungen und regulatorische Vorgaben jederzeit eingehalten werden. Eine noch unbewiesene Wirksamkeit darf auch nicht als gesicherte Tatsache dargestellt werden.

Und selbstverständlich kann die erstmalige Anwendung einer experimentellen Behandlung besondere rechtliche und ethische Anforderungen auslösen.

Aber zwischen einer wissenschaftlich unbegründeten Behandlung und einer bereits umfassend bestätigten Standardtherapie liegt ein breites Spektrum medizinischer Erkenntnisse.

Wenn wir dieses Spektrum ignorieren, laufen wir Gefahr, neue Entwicklungen vorschnell auszuschließen.

Fehlende Evidenz ist nicht dasselbe wie nachgewiesene Unwirksamkeit.

Umgekehrt ist fehlende Evidenz natürlich auch kein Beweis dafür, dass eine Behandlung funktioniert.

Gerade diese Unterscheidung ist für mich der Kern wissenschaftlichen Denkens.

Wer bezahlt eigentlich die Evidenz?

Jetzt kommen wir zu einem Punkt, der meiner Meinung nach viel zu selten diskutiert wird.

Wissenschaftliche Studien kosten Geld. Teilweise sehr viel Geld.

Je nach Fragestellung müssen zahlreiche Patienten eingeschlossen, Vergleichsgruppen gebildet, Behandlungsverläufe dokumentiert, Daten statistisch ausgewertet und Ergebnisse veröffentlicht werden.

Wer finanziert das?

Neben Universitäten, öffentlichen Forschungseinrichtungen und gemeinnützigen Organisationen spielt die Industrie bei klinischen Studien eine bedeutende Rolle.

Und Unternehmen investieren verständlicherweise vor allem dort, wo sie sich später einen wirtschaftlichen Nutzen versprechen.

Das ist überhaupt kein Vorwurf.

Jeder Unternehmer muss überlegen, ob sich eine Investition rechnet. Und auch jeder Privatanleger, der Geld in einen ETF investiert, erwartet langfristig eine Rendite.

Warum sollte es bei medizinischen Unternehmen grundsätzlich anders sein?

Aber daraus ergibt sich eine unbequeme Frage:

Untersuchen wir tatsächlich immer die medizinisch interessantesten Behandlungsmethoden – oder bevorzugen wir diejenigen, bei denen sich die Forschung wirtschaftlich am besten refinanzieren lässt?

Patentgeschützte Medikamente mit großen Absatzmärkten bieten andere wirtschaftliche Perspektiven als manche physikalische Behandlungsmethode oder eine Therapie für eine seltene Erkrankung.

Das kann dazu führen, dass bestimmte Verfahren besonders intensiv untersucht werden, während andere medizinisch interessante Ansätze weniger Aufmerksamkeit erhalten.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt.

Ein systematischer Cochrane-Review von Lundh und Kollegen untersuchte den Zusammenhang zwischen Industriesponsoring und Studienergebnissen.

Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass industriegesponserte Studien zu Arzneimitteln und Medizinprodukten häufiger Ergebnisse und Schlussfolgerungen zugunsten der Produkte ihrer Sponsoren berichteten als Studien mit anderen Finanzierungsquellen.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass industriegesponserte Studien grundsätzlich falsch oder wissenschaftlich wertlos wären.

Aber es zeigt, dass wir auch die Entstehungsbedingungen wissenschaftlicher Evidenz kritisch betrachten sollten.

Quelle: Lundh et al. (2017), Literatur [3].

Wenn wir medizinische Entscheidungen ausschließlich an der Menge verfügbarer Studien ausrichten, dürfen wir nicht vergessen, dass auch die Entstehung dieser Studien von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst wird.

Ein Beispiel aus unserer Praxis: eosinophile Granulome bei Katzen

Wir beschäftigen uns bei AMAMUS Vet seit 2018 intensiv mit der medizinischen Anwendung von ColdPlasma.

Dabei begegnen uns in der tierärztlichen Praxis ganz unterschiedliche Krankheitsbilder: von Wunden und Hauterkrankungen über Otitis externa bis hin zu Veränderungen der Maulschleimhaut.

Für häufig vorkommende Erkrankungen wie Otitis externa ist es grundsätzlich gut vorstellbar, größere klinische Studien durchzuführen und neue Behandlungsverfahren mit etablierten Therapien zu vergleichen.

Aber nehmen wir einmal das eosinophile Granulom bei Katzen.

Hier handelt es sich um ein Krankheitsbild, bei dem die Rekrutierung einer ausreichend großen, vergleichbaren Patientengruppe erheblich schwieriger sein kann.

Eine methodisch hochwertige klinische Studie müsste geeignete Patienten einschließen, unterschiedliche Ausprägungen berücksichtigen, Vergleichsgruppen bilden und Behandlungsergebnisse nachvollziehbar dokumentieren.

Das kostet Zeit und Geld.

Für ein kleines Unternehmen kann eine solche Studie wirtschaftlich kaum darstellbar sein, insbesondere wenn die betreffende Indikation nur einen kleinen Teil der möglichen Einsatzgebiete einer Technologie ausmacht.

Was bedeutet das nun?

Dass eine Behandlung nicht funktioniert?

Nein.

Es bedeutet zunächst nur, dass ihre Wirksamkeit für diese konkrete Indikation möglicherweise noch nicht ausreichend untersucht wurde.

Seit wann ist eine Behandlung automatisch unwirksam, nur weil noch niemand eine aufwendige klinische Studie dazu finanziert hat?

Diese Frage sollten wir uns häufiger stellen.

Allerdings müssen wir ebenso klar sagen: Ohne ausreichende klinische Untersuchungen bleiben Wirksamkeit, Nutzen und Risiken einer neuen Behandlung für diese Indikation unsicher. Etablierte notwendige Behandlungen dürfen dadurch nicht leichtfertig ersetzt oder verzögert werden.

ColdPlasma: Wirkt die Technologie oder nur das untersuchte Gerät?

Ein besonders interessantes Beispiel für die Grenzen wissenschaftlicher Übertragbarkeit begegnet uns bei der ColdPlasma-Technologie selbst.

International wird mit unterschiedlichen ColdPlasma-Systemen geforscht.

Dabei kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz, beispielsweise die dielektrische Barriereentladung (DBD), Plasma-Jets oder piezoelektrisch erzeugte Plasmaquellen.

Diese Systeme unterscheiden sich in ihrer Konstruktion, den physikalischen Eigenschaften, der Zusammensetzung und Menge reaktiver Spezies sowie in den jeweiligen Behandlungsparametern.

Deshalb weisen wissenschaftliche Veröffentlichungen zu Recht darauf hin, dass Ergebnisse zunächst für das konkret untersuchte System und die verwendeten Parameter gelten.

Eine Untersuchung mit einem bestimmten Gerät ist nicht automatisch ein Wirksamkeitsnachweis für sämtliche anderen ColdPlasma-Geräte.

Wissenschaftlich ist das vollkommen richtig.

Aber jetzt wird es interessant.

Wenn wir mit Tierärzten sprechen, die bereits unterschiedliche ColdPlasma-Systeme eingesetzt haben, hören wir immer wieder etwas Bemerkenswertes:

Die Entscheidung, welches Gerät sie bei welcher Indikation einsetzen, treffen sie häufig nicht aufgrund erkennbarer Unterschiede im Behandlungsergebnis, sondern aufgrund der Handhabung.

Wie einfach lässt sich das Gerät einsetzen?

Wie gut toleriert das Tier die Anwendung?

Können auch schwer zugängliche Körperstellen behandelt werden?

Wie lange dauert die Behandlung?

Das sind für die praktische Anwendung entscheidende Fragen.

Auch wir haben über die Jahre Erfahrungen mit unterschiedlichen Plasmaerzeugungsverfahren gesammelt.

Bei unserem Wechsel von einer DBD-basierten Technologie zu einem piezoelektrischen System standen vor allem die einfachere Anwendung, die bessere Toleranz durch die Tiere und die vielseitigeren Einsatzmöglichkeiten im Vordergrund.

Aus unseren bisherigen Fallbeobachtungen ergibt sich für uns nicht der Eindruck, dass sich die grundsätzlichen Behandlungsergebnisse dadurch wesentlich verändert hätten.

Das ist eine klinische Beobachtung, kein wissenschaftlich belegter Gleichwertigkeitsnachweis.

Und selbstverständlich bedeutet das nicht, dass alle ColdPlasma-Geräte identisch wirken.

Unterschiedliche physikalische Parameter und Dosierungen können die biologischen Effekte erheblich beeinflussen.

Eine systematische Übersichtsarbeit zur Dosierung von ColdPlasma aus dem Jahr 2026 beschreibt genau diese Herausforderung: Die biologische Wirkung hängt von den Behandlungsparametern und der jeweiligen Dosis ab. Eine allgemeingültige Standardisierung ist weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Quelle: A dual-index framework for cold atmospheric plasma dosing (2026), Literatur [4].

Aber daraus ergibt sich für mich eine spannende Frage:

Wenn unterschiedliche ColdPlasma-Technologien in der Praxis ähnliche Ergebnisse zeigen können, sollten wir dann nicht viel stärker untersuchen, welche gemeinsamen Wirkmechanismen dafür verantwortlich sind?

Wir brauchen zweifellos gerätespezifische Studien, insbesondere um Wirksamkeit, Dosierung und Sicherheit zuverlässig zu beurteilen.

Aber wir brauchen ebenso Forschung, die über einzelne Produkte hinausgeht und die zugrunde liegende Technologie besser verständlich macht.

Eine erfolgreiche Studie mit Gerät A beweist nicht, dass Gerät B genauso gut funktioniert.

Sie beweist aber genauso wenig, dass Gerät B nicht funktionieren kann.

Und genau diese Unterscheidung sollten wir nicht vergessen.

Was sagt die klinische Forschung zu ColdPlasma?

Cold Atmospheric Plasma ist keineswegs eine Technologie ohne wissenschaftliche Grundlage.

Die biologischen Wirkmechanismen werden international seit Jahren untersucht. Im Mittelpunkt stehen unter anderem reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies, antimikrobielle Effekte und die Beeinflussung zellulärer Prozesse.

Auch klinische Untersuchungen liegen vor.

Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zur Behandlung chronischer Wunden in der Humanmedizin wertete zwölf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 477 Teilnehmern aus.

Die Analyse zeigte unter anderem eine statistisch signifikante Verbesserung bestimmter Wundheilungsparameter und eine Reduktion der bakteriellen Belastung.

Die Autoren betonten allerdings auch erhebliche Unterschiede zwischen den Studien, unter anderem hinsichtlich der verwendeten Plasma-Technologien, sowie methodische Einschränkungen.

Sie forderten deshalb größere, qualitativ hochwertige Studien mit standardisierten Behandlungsprotokollen.

Quelle: Effects of cold atmospheric plasma therapy on chronic wounds (2026), Literatur [5].

Das ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnis funktionieren sollte.

Es gibt klinische Hinweise auf relevante therapeutische Effekte. Gleichzeitig bestehen offene Fragen zu Dosierung, Langzeitergebnissen und Übertragbarkeit.

Die Ergebnisse aus der Humanmedizin sind dabei nicht automatisch auf Tiere oder auf jede veterinärmedizinische Indikation übertragbar.

Aber sie bilden zusammen mit der Grundlagenforschung eine wichtige wissenschaftliche Basis für weitere Untersuchungen.

Klinische Erfahrung ist keine wissenschaftliche Belanglosigkeit

Ich spreche regelmäßig mit Tierärzten, die seit vielen Jahren praktizieren und Tausende Tiere behandelt haben.

Diese Menschen verfügen über einen Erfahrungsschatz, den wir nicht einfach ignorieren sollten.

Sie beobachten Behandlungsverläufe, erkennen wiederkehrende Muster und entwickeln ein Gespür dafür, welche Maßnahmen bei welchen Patienten sinnvoll sein können.

Natürlich ist eine einzelne positive Erfahrung noch kein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis.

Eine Wunde kann auch ohne die untersuchte Behandlung heilen. Symptome können spontan zurückgehen. Und unsere Wahrnehmung kann uns täuschen.

Genau deshalb brauchen wir kontrollierte Untersuchungen.

Aber klinische Beobachtungen können wichtige Hinweise auf neue Behandlungsmöglichkeiten liefern.

Sie können Hypothesen begründen, unerwartete Effekte sichtbar machen und neue Forschungsfragen entstehen lassen.

Klinische Erfahrung ersetzt keine Wissenschaft. Aber Wissenschaft, die klinische Erfahrung grundsätzlich ignoriert, verliert eine wichtige Erkenntnisquelle.

Gerade in der Veterinärmedizin, in der wir mit unterschiedlichen Tierarten, Krankheitsbildern und individuellen Voraussetzungen arbeiten, halte ich diese Verbindung für besonders wichtig.

Nicht jede medizinische Frage lässt sich mit derselben Studienform beantworten

Ein weiterer Punkt wird in der Diskussion häufig übersehen.

Nicht jede Fragestellung lässt sich gleichermaßen sinnvoll mit einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie untersuchen.

Nehmen wir beispielsweise das Mikrobiom.

Es verändert sich abhängig von Ernährung, Medikamenten, Umweltbedingungen, Erkrankungen und vielen weiteren Faktoren.

Zwei Patienten mit derselben Diagnose können völlig unterschiedliche mikrobielle Ausgangsbedingungen aufweisen.

Das bedeutet nicht, dass randomisierte Studien in diesem Bereich ungeeignet wären.

Aber es bedeutet, dass wir geeignete Patientengruppen, biologische Unterschiede und mögliche individuelle Reaktionen besonders sorgfältig berücksichtigen müssen.

Hinzu kommen ethische Fragen.

Wenn bereits eine wirksame Standardbehandlung existiert, kann es unvertretbar sein, diese einer Kontrollgruppe vorzuenthalten.

In solchen Fällen brauchen wir andere wissenschaftlich fundierte Untersuchungsansätze, beispielsweise Vergleiche mit der Standardtherapie.

Auch gut durchgeführte Beobachtungsstudien, Registerdaten, systematische Fallserien und mechanistische Untersuchungen können wertvolle Erkenntnisse liefern.

Nicht alle diese Methoden haben dieselbe Aussagekraft. Insbesondere bei der Frage nach der ursächlichen Wirksamkeit einer Therapie unterscheiden sie sich erheblich.

Aber sie können sich gegenseitig ergänzen.

Die wissenschaftliche Methode muss zur medizinischen Fragestellung passen – nicht umgekehrt.

Auch der Verzicht auf eine Behandlung ist eine medizinische Entscheidung

Einen Gedanken möchte ich besonders hervorheben.

Wir diskutieren bei neuen Behandlungsmethoden verständlicherweise intensiv die Risiken einer Anwendung.

Welche Nebenwirkungen könnte es geben? Ist die Wirksamkeit ausreichend belegt? Könnten unerwartete Komplikationen auftreten?

Alles berechtigte Fragen.

Aber stellen wir mit derselben Konsequenz auch die Gegenfrage?

Welche Risiken entstehen, wenn wir eine möglicherweise hilfreiche Behandlung nicht einsetzen?

Auch das kann Folgen haben.

Beschwerden können länger bestehen bleiben. Erkrankungen können fortschreiten. Alternative Behandlungen können unerwünschte Nebenwirkungen verursachen.

Natürlich ist das keine Rechtfertigung, beliebige unbewiesene Therapien anzuwenden oder notwendige Standardbehandlungen zu verzögern.

Aber eine verantwortungsvolle medizinische Entscheidung muss beide Seiten berücksichtigen: die Risiken einer Behandlung und die Risiken, die durch ihren Verzicht entstehen.

Und dabei sollte auch die Art des Eingriffs eine Rolle spielen.

Eine hochriskante systemische Therapie muss anders bewertet werden als eine vergleichsweise risikoarme lokale Intervention. Wobei auch lokale oder physikalische Verfahren selbstverständlich auf Sicherheit und Wirksamkeit geprüft werden müssen.

Mir geht es um Verhältnismäßigkeit.

Was bedeutet das für unsere Arbeit bei AMAMUS Vet?

Wir beschäftigen uns seit 2018 intensiv mit der medizinischen Anwendung von ColdPlasma.

Die Technologie selbst ist international Gegenstand umfangreicher wissenschaftlicher Forschung.

Was wir über die vergangenen Jahre selbst aufgebaut haben, ist vor allem ein umfangreicher Erfahrungsschatz aus der tierärztlichen Praxis.

Wir sammeln Fallberichte, dokumentieren Behandlungsverläufe und stehen in engem Austausch mit den anwendenden Tierärzten.

Diese Beobachtungen sind für uns außerordentlich wertvoll.

Sie zeigen uns, bei welchen Erkrankungen die Technologie möglicherweise besonders interessant ist und welche Fragen wir wissenschaftlich genauer untersuchen sollten.

Aber natürlich wissen wir auch: Ein erfolgreich behandelter Fall ist noch kein wissenschaftlicher Beweis für die Wirksamkeit einer Therapie.

Unsere bisherigen Fallberichte ersetzen keine kontrollierten klinischen Studien.

Und genau hier schließt sich für mich der Kreis zur eigentlichen Diskussion.

Sollten wir klinische Beobachtungen ignorieren, solange keine randomisierte Studie für die jeweilige Indikation vorliegt?

Oder sollten wir sie als das betrachten, was sie sein können: wichtige Ausgangspunkte für weitere wissenschaftliche Erkenntnisse?

Ich bin eindeutig für Letzteres.

Nicht als Ersatz für wissenschaftliche Evidenz, sondern als Bestandteil des Prozesses, durch den neue Evidenz überhaupt erst entsteht.

Mein Fazit: Wir brauchen mehr Wissenschaft, nicht mehr Dogmatismus

Ich wünsche mir keine Medizin mit geringeren wissenschaftlichen Ansprüchen.

Ich wünsche mir eine Medizin, die wissenschaftliche Erkenntnisse differenzierter bewertet.

Eine Medizin, die anerkennt, dass statistische Überlegenheit nicht automatisch die beste Entscheidung für jeden einzelnen Patienten bedeutet.

Eine Medizin, die klinische Erfahrung ernst nimmt, ohne sie mit einem Wirksamkeitsnachweis zu verwechseln.

Eine Medizin, die versteht, dass auch die Finanzierung von Forschung Einfluss darauf hat, welche Behandlungsmethoden wissenschaftlich untersucht werden.

Und vor allem eine Medizin, die Innovation ermöglicht, ohne die Patientensicherheit aus den Augen zu verlieren.

Wir müssen wieder sauber zwischen drei Aussagen unterscheiden:

  • Eine Behandlung ist nachweislich wirksam.
  • Die Wirksamkeit einer Behandlung ist noch nicht ausreichend untersucht.
  • Eine Behandlung hat sich in aussagekräftigen Untersuchungen als unwirksam erwiesen.

Das sind drei grundverschiedene Aussagen.

Wer sie miteinander verwechselt, vereinfacht eine komplexe wissenschaftliche Fragestellung unzulässig.

Wissenschaft bedeutet, Erkenntnisse kritisch zu prüfen, Unsicherheit auszuhalten und neue Fragen zu stellen. Nicht, den aktuellen Stand des Wissens für endgültig zu erklären.

Denn am Ende geht es in der Medizin nicht darum, eine bestimmte Studienform zu verteidigen.

Es geht darum, unseren Patienten die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen.

Und dafür brauchen wir beides: wissenschaftliche Evidenz und die Bereitschaft, medizinischen Fortschritt zu ermöglichen.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur

[1] Sackett DL et al. (1996). Evidence based medicine: what it is and what it isn't. BMJ, 312, 71–72.

https://doi.org/10.1136/bmj.312.7023.71

Grundlegende Publikation zur Definition evidenzbasierter Medizin und zur Verbindung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit klinischer Expertise.

[2] Kent DM et al. (2020). The Predictive Approaches to Treatment effect Heterogeneity (PATH) Statement. Annals of Internal Medicine, 172(1), 35–45.

https://doi.org/10.7326/M18-3667

Wissenschaftliche Grundlage zur Unterschiedlichkeit individueller Behandlungseffekte und zur Interpretation durchschnittlicher Studienergebnisse.

[3] Lundh A et al. (2017). Industry sponsorship and research outcome. Cochrane Database of Systematic Reviews, MR000033.

https://doi.org/10.1002/14651858.MR000033.pub3

Systematischer Review über den Zusammenhang zwischen Industriesponsoring und forschungsbezogenen Ergebnissen beziehungsweise Schlussfolgerungen.

[4] A dual-index framework for cold atmospheric plasma dosing (2026). A meta-analysis of parametric control from volumetric redox flux to redox homeostatic status. Redox Biology, 94, 104162.

https://doi.org/10.1016/j.redox.2026.104162

Analyse der Dosis-Wirkungs-Beziehungen bei ColdPlasma und der Herausforderungen einer standardisierten Dosierung.

[5] Effects of cold atmospheric plasma therapy on chronic wounds (2026). A systematic review and meta-analysis.

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0965206X26000355

Metaanalyse randomisierter klinischer Studien zur ColdPlasma-Behandlung chronischer Wunden in der Humanmedizin. Die Autoren berichten positive Effekte, weisen jedoch auch auf Heterogenität und methodische Einschränkungen hin.

Hinweis zur wissenschaftlichen Einordnung: Die beschriebenen Praxiserfahrungen von AMAMUS Vet beruhen auf dokumentierten Fallbeobachtungen und Anwenderberichten, nicht auf eigenen kontrollierten klinischen Wirksamkeitsstudien. Die angeführten internationalen Studien untersuchen unterschiedliche ColdPlasma-Systeme und Indikationen. Ihre Ergebnisse sind nicht automatisch auf das AMAMUS-Vet-System oder sämtliche veterinärmedizinischen Anwendungsgebiete übertragbar.